„Der Nahostkonflikt und seine Folgen haben die Hoff-nung auf eine baldige Erholung der Wirtschaft am Hellweg und im Sauerland vorerst zunichte gemacht“, so kommentierte IHK-Präsident Andreas Knappstein die Ergebnisse der Konjunkturumfrage. Eine bessere Lagebewertung bei wieder sehr trüben Erwartungen lassen den Konjunkturklimaindikator um 5 Punkte von 95 auf 90 sinken – bei 100 liegt die Wachstumsgrenze. Die IHK hat die Umfrage vom 1. bis 17. April durchgeführt, 386 Unternehmen haben sich beteiligt.
Zu Jahresbeginn hatte sich erstmals seit längerer Zeit ein vorsichtiger Optimismus abgezeichnet. „Es gab einen kleinen Hoffnungsschimmer, dass die Konjunktur im Laufe des Jahres wieder Fahrt aufnehmen könnte“, so IHK-Präsident Knappstein. „Diese Entwicklung sehen wir nun in der verbesserten Lage der Unternehmen.“ Das aktuelle Lageurteil der Unternehmen fällt zwar noch immer negativ aus, ist aber mit einem Gesamtsaldo von -3 Punkten (gut minus schlecht-Anteile) so hoch wie seit Herbst 2023 nicht mehr. Die Geschäftserwartungen sind jedoch deutlich eingebrochen – von zuletzt -1 auf nun -17 Punkte im Saldo. Der Konjunkturklimaindikator, der sich aus Lage- und Erwartungswerten berechnet, fällt dadurch auf 90 Punkte.
Ein wesentlicher Grund dafür ist die geopolitische Lage. „Die Eskalation im Nahen Osten trifft die Unternehmen in einer ohnehin angespannten Situation zusätzlich und mit voller Wucht“, so IHK-Hauptgeschäftsführer Jörg Nolte. „In einer Phase, in der sich die Wirtschaft nach den Belastungen durch den Ukraine-Krieg, anhaltende Handelskonflikte und strukturelle Herausforderungen gerade leicht stabilisie-ren wollte, sorgt die neue Krise wieder für Verunsicherung und bremst eine mögliche Erholung spürbar aus.“
Besonders deutlich zeigt sich das in den Risiken: 74 Prozent der Unternehmen sehen die Energie- und Rohstoffpreise als größtes Risiko – ein deutlicher Anstieg (+29 Punkte) gegenüber dem Jahresbeginn. Auch die Verfügbarkeit von Rohstoffen wird deutlich häufiger genannt (+17 Punkte). Alle anderen Risiken – von Fachkräftemangel bis Nachfrage – verlieren aktuell an Bedeutung.
An der insgesamt verbesserten Lagebewertung wirken vor allem die Bauwirtschaft (Saldo +24 Punkte) und die sonstigen Dienstleistungsbranchen (+17 Punkte) mit. Doch auch die Industrie hat zugelegt (von -24 zu Jahresbeginn auf jetzt -10 Punkte). Das Gastgewerbe hat sein – schwaches – Niveau (-5 Punkte) in etwa gehalten. Eine enorme Lageverschlechterung meldet das Verkehrsgewerbe (von +21,5 auf -7 Punkte) und am unteren Ende der Skala liegen Groß- (-19 Punkte) und Einzelhandel (-18 Punkte). Die Erwartungen sind in nahezu allen Branchen (außer bei den sonstigen Dienstleistungen) rückläufig, besonders stark im Großhandel und im Verkehrsgewerbe.
Die Investitionsabsichten der Unternehmen gehen vor diesem Hintergrund weiter zurück (von -8 auf -11 Punkte). Gleichzeitig stabilisieren sich die Beschäftigungspläne leicht: Der Anteil der Unternehmen, die neue Mitarbeiter einstellen wollen, ist von 9 auf 13 Prozent gestiegen. Auffällig ist der Rückgang beim Fachkräftemangel als Risiko: Mit 34 Prozent Nennungen erreicht dieser – abgesehen von der Corona-Zeit – den niedrigsten Wert seit über zehn Jahren.
Besonders stark unter Druck steht die Industrie, die gleich doppelt betroffen ist: Viele Unternehmen sind energieintensiv und zugleich stark exportorientiert. Zum Ende des vergangenen Jahres hatten sich die Erwartungen der Branche deutlich aufgehellt, was sich nun in der verbesserten Lagebewertung widerspiegelt. Angesichts der aktuellen Entwicklungen drehen sich die Erwartungen wieder klar ins Negative (von -1 auf -13 Punkte). Ähnlich ist das Bild beim Export insgesamt: Die Situation stabilisiert sich leicht, während die Erwartungen deutlich zurückgehen.
Die Belastung durch die Auswirkungen des Nahost-Konflikts spiegelt sich auch in einer Blitzumfrage der IHK wider: Die Mehrheit der Befragten berichtet von konkreten Auswirkungen des Konflikts auf das eigene Unternehmen, insbesondere durch gestiegene Energiepreise sowie höhere Transport- und Logistikkosten. Viele Betriebe reagieren darauf mit Preisanpassungen, um die zusätzlichen Belastungen aufzufangen.
„Die Unternehmen in Deutschland brauchen eine klare Orientierung, wohin sich der Standort Deutschland entwickeln soll. Im Moment fehlt ein überzeugendes wirtschaftspolitisches Zukunftsnarrativ, das Vertrauen schafft und Investitionen ermöglicht. Entscheidend ist, dass Ziele und Maßnahmen nachvollziehbar sind. Auch schwierige Entscheidungen sind vermittelbar, wenn sie Teil eines klaren Gesamtbilds sind. Gleichzeitig ist ein geschlossenes Auftreten der Regierung wichtig. Die Koalition muss erkennbar gemeinsam an einem Ziel arbeiten. Öffentliche Auseinandersetzungen untergraben Vertrauen und widersprechen diesem Anspruch“, appelliert Jörg Nolte.
„Viele Unternehmen erleben derzeit eher das Gegenteil: Fehlende Klarheit, widersprüchliche Signale und kurzfristiger, punktueller Aktionismus. Das schwächt Vertrauen und bremst Investitionen. Der Koalitionsvertrag zeigte Ansätze einer wirtschaftsfreundlichen Agenda, doch vieles bleibt Stückwerk oder greift zu kurz. Maßnahmen wie die Senkung der Stromkosten oder der Industriestrompreis adressierten häufig nur Teilbereiche. Aus Sicht der Wirtschaft braucht es mehr Mut zu tiefgreifenden Reformen“, so Andreas Knappstein.